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Rede zum Tag der Wissenschaft an der DonNTU

Artikel

Der gegenwärtige Stand und die Perspektiven der deutsch-ukrainischen Zusammenarbeit in den Bereichen Ausbildung und Wissenschaft

Pokrowsk, 31.05.2017

Sehr geehrter Herr Rektor Ljaschok,

sehr geehrter Herr Swjatnij,

sehr geehrte Damen und Herren,

Ich bedanke mich sehr für die große Ehre, die die Donezker Nationale Technische Universität mir heute erweist. Von einer Technischen Universität am „Tag der Wissenschaft“ eine so hohe Auszeichnung wie die Würde eines „Ehrendoktors“ zu erhalten, ist für einen gelernten Philologen und Historiker etwas ganz Besonderes. Ich stehe immer mit großer Bewunderung vor den Errungenschaften ingenieur- und naturwissenschaftlicher Forschung und Entwicklung. Dass Sie mich heute in den erlauchten Kreis der Ehrendoktoren Ihrer Universität aufnehmen, macht mich beinahe sprachlos.

Nun wäre es jedoch äußerst unhöflich, an diesem großen Tag vor einer so großen Zahl interessierter Zuhörer in Sprachlosigkeit zu verfallen. Sie erwarten zurecht, dass ich mich für die Ehre erkenntlich zeige und Ihnen in ein paar Worten darstelle, welche Zukunft ich für das Bildungssystem der Ukraine sehe.

In den nachfolgenden Vorträgen werden ja Herr Prof. Swjatnij und Frau Dr. Zimmermann konkrete Maßnahmen und Programme vorstellen. Ich freue mich sehr, dass Frau Dr. Zimmermann den weiten Weg aus Kiew auf sich genommen hat, um Ihnen die Programme und Möglichkeiten des DAAD vorzustellen. Der DAAD ist unsere „Paradeorganisation“, was die internationale akademische Zusammenarbeit angeht. Von daher empfehle ich Ihnen, sich beim Vortrag von Frau Dr. Zimmermann schon einmal vorzumerken, welche der verschiedenen Programme für Ihr eigenes Ziel am ehesten in Frage kommen.

Ich weiß auch schon einiges über die sehr aktiven Projekte und Austauschmaßnahmen der DonNTU mit Deutschland. Dennoch sehe ich dem Vortrag von Herrn Prof. Swjatij mit großem Interesse entgegen. Ich bin mir sicher, dass er über zahlreiche erfolgreiche Initiativen sprechen wird.

Ich will Ihnen bei dieser Gelegenheit auch versichern, dass die große Auszeichnung, die Sie mir heute verleihen, für mich auch eine Verpflichtung darstellt; eine Verpflichtung, bei allen Programmen und Projekten, die deutsche staatliche oder private Stellen anbieten, immer die Interessen der DonNTU, ihrer Studenten, Dozenten und Professoren im Auge zu haben. Sie zu unterstützen, wird mir immer eine Aufgabe bleiben.

Kommen wir nun zum Thema der „Internationalisierung des Bildungswesens der Ukraine“:

Es mag mutig und verwegen scheinen, dass eine Universität „im Exil“ wie die DonNTU in Pokrowsk sich einem solchen Thema widmet. Es zeugt aber vor allem von der hohen Verantwortung, die die Universitätsleitung für die Zukunft ihrer Studenten empfindet. Sicherlich hat die Universität die erste Pflicht, die notwendigen Experten und jungen Fachkräfte auszubilden, die die Ukraine und insbesondere die östliche Ukraine braucht. Denn ich bin überzeugt, dass das Potenzial dieser Region dazu führen wird, dass sich auch die Wirtschaft erholen wird. Zu diesem Potenzial gehören besonders die Menschen in der Region.

Es gibt aber auch die Pflicht der Universität, den jungen Menschen eine Perspektive über die Region und das Land hinaus zu bieten. Gerade in Pokrowsk habe ich immer das Gefühl, dass diese Perspektive sehr wichtig genommen wird. Ganz symbolisch wurde dies letztes Jahr mit der größten Europaflagge symbolisiert, die beim letztjährigen Europatag über Pokrowsk wehte. Es zeigt: Pokrowsk schaut nach Europa. Zu genau dieser Perspektive gehört das Thema der Internationalisierung des Bildungswesens.

Was heißt das?

Es bedeutet,

- dass man offen ist für Neues, ohne dass man alles, was man bisher gemacht hat, aufgeben muss

- dass man im Bildungssystem die Inhalte und die Methoden nach internationalen Maßstäben gestaltet,

- dass die Schüler und Studenten, den angeeigneten Stoff auch in ausländischen Schulen und Universitäten anwenden und weiterentwickeln können,

- dass die Universität in stetigem Austausch mit Partneruniversitäten im Ausland steht,

- dass Lehrer und Dozenten auf dem neuesten Stand der internationalen Forschung und Lehre sind,

- dass Studenten offen sind für Fremdsprachen, für interkulturelle Aktivität und für „Neues“ und angeblich „Fremdes“, auch offen für Herausforderungen im Ausland.

Genau dem dienen unsere Programme, vor allem der Förderung der Mobilität. Dabei sind unsere Stipendienprogramm offen für alle Fachrichtungen und bieten Maßnahmen auf allen Ebenen an: vom einfachen Hochschulsommerkurs, über das Studienstipendium bis hin zum Forschungsstipendium. Frau Dr. Zimmermann wird es später im Detail vorstellen. Wichtig halte ich vor allem auch Forschungsstipendien. Gerade junge Forscher sollen sich mit ihresgleichen austauschen. Ich freue mich, dass es der DonNTU regelmäßig gelingt, Studenten oder junge Forscher nach Deutschland zu entsenden. Hier zahlt sich die Pflege der Beziehungen zu Partneruniversität besonders aus.

Vor wenigen Monaten wurden zwischen den Bildungsministerien unserer Länder eine Reihe bilateraler Projekte zur gemeinsamen Forschung bewilligt, darunter auch eines der TU Donezk mit der Technischen Universität Kaiserslautern. Damit unterstützt Deutschland direkt und unmittelbar sowohl die Internationalisierung als auch den verstärkten Praxisbezug.

Wie kann man neue Kontakte knüpfen? Es braucht ein solides wissenschaftliches Potenzial, um deutsche oder andere europäische Universitäten anzulocken. Das kann bedeuten, dass einzelne Fakultäten verschiedener ukrainischer Universitäten gemeinsam Forschungsprojekte entwickeln, die die Talente und Ideen verschiedener Universitäten bündeln und so eine „kritische Masse“ bilden, die als Partner für westeuropäische Universitäten interessant sein könnten. Dies trifft insbesondere für die sog. MINT-Fächer zu: Mathematik, Ingenieur- und Naturwissenschaften.

Wir fördern durch ein spezielles Programm den Einsatz der deutschen Sprache in diesem Fächern schon in der Schule. Umso wichtiger ist es, deutsch als Fachsprache auch an der Universität zu etablieren, gerade in diesen Fächern.

Ich hoffe, dass wir hier der DonNTU helfen können, im Rahmen des „Jahres der Deutschen Sprache“ ab September 2017 Fortschritte zu erreichen und damit der Aspiration der Ukraine, ein Teil Europas zu sein, entgegenzukommen.

Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Visafreiheit, die ab dem 11. Juni gelten wird. Auch wenn die Visapflicht bisher kein wirkliches Hindernis für akademischen Austausch war, wird sie es uns sicher erleichtern, noch enger zusammenzuarbeiten. Es soll vor allem auch Ihnen das Reisen nach Deutschland und die EU zu vereinfachen. Wir hoffen, dass Viele von Ihnen sie in Anspruch nehmen.

Internationalisierung heißt auch, Schüler und Studenten auf die neue Art des Lernens und Kommunizierens vorzubereiten. Der Frontalunterricht wie zu sowjetischen Zeiten und wie er bis heute noch an manchen Orten praktiziert wird, bereitet die jungen Leute nicht auf die Zukunft vor. Denn diese Zukunft heißt Teamwork, Projektarbeit, interaktives Lernen und kritische Reflexion des Gelernten, gesellschaftliches Engagement, Partizipation der Jugendlichen am politischen Leben. Hier hat die Ukraine in den letzten Jahren bewundernswerte Fortschritte erzielt.

Das heißt aber nicht, alles ist beliebig. Solides Grundwissen in Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften ist unabdingbar. Bei aller Kritik bleibt festzuhalten, dass erfreulicherweise in den ukrainischen Schulen und Universitäten diese Fächer nach wie vor auf hohem Niveau gelehrt werden.

Damit die Qualität hoch bleibt, braucht es motivierte und anständig bezahlte Lehrkräfte. Hier hat die Ukraine noch erheblichen Nachholbedarf. Bildung ist das Fundament der wirtschaftlichen Zukunft des Landes. Investitionen in Bildung lohnen sich immer, vor allem solche in die Menschen als Lehrende und Lernende. Genau deswegen investieren wir in die Jugend in diesem Land, wie Ihnen Frau Dr. Zimmermann in ein paar Minuten erläutern wird.

Zum Abschluss möchte ich mich nochmals sehr herzlich bedanken für die große Ehre, die mir heute zu Teil wird. Meine Frau und ich werden diesen Tag nicht vergessen und werden uns unseren Freunden in Pokrowsk immer verbunden fühlen.

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